Primary Gestures – Fragmente eines Manifests

(Die Form der Skulptur ist das eigentliche Manifest – die Worte Splitter ringsum.)

Primary Gestures. Als räumliche Körper-Sprach-Wendungen. Als Versuche durch Erfindung elementarer Extensionen und Gesten in Quellgebiete, an Urspünge der Form zu kommen. Primary Gestures als elementare, nicht figurative Gesten der Lust, der Behauptung, des Scheiterns, der Frage. Als elementare Aggregatszustände des Ausdrucks: appelativ, affirmativ, interrogativ, imperativ, indikativ, konjunktiv, sensitiv.
Gesten als Extension, Form, Lage, Position, Richtung, als Verhältnis zum Raum. Als Ausdruck, als Weise des in Erscheinung-, des aus sich Heraustretens. Die Form be-stimmt die Lage, bestimmt wie sie steht, ob sie liegend, wankend, kenternd, gestran-dent erscheint.

Formerfindung. Nicht Ding, nicht Bild von, nicht über etwas, frei von vorgegebenem Inhalt, zweckfrei, freigestellt als Wahrgebung für die Wahrnehmung, Verstehensan-gebot über Neuland. Elementare Kunst ist nicht Kommentar, nicht Kompilation, nicht Kompositum, nicht Komposition sondern autonom. Primary Structures, amerikani-sches Synonym für Minimal Art geht aus von bestehenden, geometrischen Formen; Primary Gestures sucht Formerfindungen.

Archaische Skulptur. In sich, aus sich, an und für sich seiend, ungeteilt. Phonem, Laut vor dem Wort, nichts Vorgefasstes bedeutend, Einheit, Monade.

Kunst als Ausnahmezustand. Als Wurf, als Gelungenes, das sich bewährt in der Einprägsamkeit und Unverwechselbarkeit. Neologismus, Begriff für Ungefasstes, zu-nächst solipsistisch. Probe der Relevanz ist die Tauglichkeit der Form als Schlüssel des sich Zeigenden. Als Zeichen vor dem Gezeigten. Als Zeichen, das zu Zeigendes erst ans Licht hebt oder generiert, ein Signifiant, das ein Signifié erst konstruiert, sichtbar macht, kenntlich macht. Das Ziel: Formen zu schaffen wie Begriffe, wie Werkzeuge, geistige Gebrauchsgegenstände.

Zeichnung als Ideenforschung und als technischer Prozess.
Als wucherndes  Experimentierfeld. Exploratives Journal, Inventar der Inventionen. Spurensicherung von Metamorphosen, Assoziationen und  Gedankensprüngen. Testgebiet, Entschei-dungsraum. Technisch eine Folge von transparenten Übermalungen und Überzeich-nungen auf Packpapier, die tieferen Lagen sichtbar lassend. Umgekehrte Palimpse-ste, in denen das, was als vager Entwurf auftauchte, Schicht für Schicht zurücktritt unter präzisierenden Formulierungen. Ein Prozess der Verdichtung und der Anrei-cherung, Ideen klärend und Formen stärkend.

Werkstoff Stein. Der Stein erzieht durch Widerstand, Härte, Reinheit, Alter, Klang. Durch die erforderliche Zähigkeit und Langsamkeit der Bearbeitung, durch die nötige Behutsamkeit, geboten durch die Irreversibilität jedes Eingriffs. Die Wiederholung des Spitzens und des Schleifens ist eine rhythmische Form der Überprüfung und Präzi-sierung, der Konzentration und Akkumulation von Lust und Liebe, im Werkstück und in der Idee.

Ideenforschung. Von Form zu Form zur Konzeption.
Die Wiederholung ist ein Stimmen der Form als Instrument. Im Abstimmen des Ganzen, dem Stimmen der konkreten Realisierung auf den Kern der gestischen Idee. Die einzelne Realisierung steht im Verhältnis einer musikalischen Komposition zur einzelnen Aufführung. Diese entsteht aber ohne Partitur: Die Aufführungen nähern sich nährend der Idee, indem sie diese erst schaffen. Qualität ist eine Frage des Potentials, der Produktivität der in Erscheinung tretenden Idee. Diese erweist sich schliesslich in der Prägnanz und Substanz, in der Kohärenz der Gestalt, in der semantischen Dichte. Im Punktum, der Evidenz des So-muss-es-sein. Die Schlüssigkeit des Prinzips ermöglicht alsdann die Wiederholung: der Anschauung, der Produktion, der Variation.


Skulpturen als Monaden. Die einzelnen Formen sind Gesten, Zeichen wie die Buchstaben einer Schrift, vorsprachlich. Eine Art von Syntax ergibt sich erst im auto-poietisch wachsenden System der Primary Gestures.

Autopoiesis.
Primary Gestures entsteht als sich selbst vermehrendes System kom-munizierender Formen. Das System hat einen Sensor dafür, welche Form zu seinen Themen passt, was anschlussfähig ist, was zu einem neuen Themenkreis werden kann. Eine Form passt, wenn sie mit anderen kommuniziert, dadurch in Relation steht / gerät. Eindringendes wird transformiert und zum Baustein des Systems ge-macht. Das System erzeugt und erweitert sich selbst, durch seine Teilhaber, Teil-nehmer, Teilgeber. Es wirkt ohne Autorität, es besteht in und aus sich selbst, auto-poietisch. Die Transformationskraft ist das Gütesiegel des Systems. Übertragbarkeit und Tragweite machen den Gebrauchswert der Zeichen aus. Es konstituiert und mo-difiziert seine Verfahren, seine Vor- und Nachfahren aus den gelungenen Realisie-rungen. Es wird erkennbar in den Abgrenzungen, in den notwendig gewordenen Re-visionen der Körperschaft der Zeichen und ihrer Verlautbarungen.