Nicolaj van der Meulen
DER MOMENT DER DAUER
Zu den plastischen Arbeiten von Andreas Chiquet

Wer seinen Blick über einige Skulpturen von Andreas Chiquet schweifen lässt, sie neugierig prüfend umschreitet, einige ihrer markanten Konturen abtastet, die da und dort in gespannte Volumen, Wölbungen, Mulden oder Höhlungen münden, der mag sich bald in einen eigenartigen Schwebezustand versetzt finden. Dieser Schwebezustand hängt mit einer nicht leicht zu bestimmenden Eigenschaft von Chiquets Skulpturen zusammen, die seltsam bedingungslos dastehen, ohne eine bestimmte Haltung, Reaktion oder Gefühlslage zu erzwingen. Schon die Rede vom «Dastehen» der Skulpturen erscheint voreilig gewählt. Liegen sie? Sitzen sie? Oder sind sie nicht zuallererst und ganz einfach «da», ohne die Weise ihres Daseins schon eilfertig preiszugeben? – Bekanntlich las Rainer Maria Rilke in seinem berühmten Gedicht dem archaischen Torso Apollos einen eindringlichen Appell ab: «Du musst Dein Leben ändern.» Eine solch bedingungslose Aufforderung geht von Chiquets Skulpturen nicht aus. Sie nehmen einen Standpunkt ein, ohne dessen Letztgültigkeit behaupten zu wollen. Sie treten als pars pro toto auf, ohne als Fragment zu erscheinen.

Köpfe
Zwar nicht im Sinne von Rilkes ästhetischer Charakterisierung des Torsos, aber doch im Verständnis einer ganz bestimmten skulpturalen Raumdisposition, ist mit dem obengenannten Wort «archaisch» eine Eigenschaft von Chiquets Skulpturen zutreffend beschrieben. Mitte der 90er Jahre entstehen einige Marmorköpfe, die sich vom gewöhnlichen Verständnis einer Kopfplastik insbesondere hinsichtlich ihres zweifachen Bodenkontaktes unterscheiden. Eine aufsteigende, sich langsam verbreiternde, gebogene Fläche schwingt an ihrem oberen Scheitelpunkt zurück und senkt sich von dort aus in einer erneut breiter werdenden Bewegung zur Standfläche hinab. Ohne dass Gesichtsmerkmale wie Mund, Nase oder Augen auch nur entfernt angedeutet wären, scheint hierbei doch eine Gesichtssphäre als Handlungsraum und eine Stirnfläche als Denkraum umrissen, die bei der Betrachtung aufeinander bezogen sind. Die Köpfe erweisen sich dabei insofern als produktive Varianten früherer Kopfplastiken – etwa denjenigen Rodins, Giacomettis oder Brancusis – als sie nicht monolithisch auf einen Hals aufgesetzt sind, sondern diesen gewissermassen aussparen und in einer Kinnpartie einerseits wie einer Nackenpartie andererseits einen zweifachen Bodenkontakt halten. Hieraus resultiert denn auch eine doppelte Formbewegung, die aus der Nackensphäre über den Schädel in die Gesichtssphäre oder entgegengesetzt verläuft. Denk- und Handlungsraum sind auf diese Weise wechselseitig aufeinander bezogen.

In der griechischen Archaik, also der Zeit zwischen 700 und 500 v. Chr., findet sich der männliche Figurentyp des Kouros, einer im Wesentlichen achsensymmetrisch angelegten Figur, deren Kopf eine lächelnde Ruhe umgibt, während die geballten Fäuste das Potenzial zur Entladung einer verdichteten Kraft und Energie besitzen. Der Antagonismus, der jeden Menschen umgibt, nämlich das Wechselspiel zwischen einer denkenden und einer handelnden Kraft ist im Kouros auf ganz spezifische Weise verkörpert: Der Kouros «denkt» vor dem Hintergrund der blossen Möglichkeit einer explosiven Kraftentfaltung. Diese allerdings ist stets zurückgehalten. Hierin mag eine Parallele zu Chiquets Köpfen liegen. Sie demonstrieren eine Handlungskraft, die im nach hinten abgerundeten Körper gespeichert scheint, ohne in die Tat zu treten. Im Nicht-Ausspielen einer möglichen und zur Verfügung stehenden Kraft behaupten die Köpfe eine archaische Überlegenheit.

Pars pro toto
Bei Andreas Chiquets Skulpturen handelt es sich um keine grossformatigen Schwergewichte, die andere Objekte aus ihrer Umgebung dröhnend verdrängen. Sie lassen sich mit Kategorien wie dem Majestätischen oder Erhabenen ebenso wenig fassen wie dem Zufälligen, Vorgefundenen oder Fragmentarischen. Auf eigentümliche Weise besitzen die selten mehr als 40 cm messen­den Skulpturen ein meist aus der Mitte her gedachtes massives Zentrum. Gleichzeitig erzeugt der eher punktuelle als flächige Bodenkontakt und die mitunter leicht wankende Beschaffenheit der Körper den Einruck von Leichtigkeit und Veränderlichkeit. Frei von jeglichen Bruchstellen oder dem Eindruck, eines Pendants ausserhalb ihrer selbst zu bedürfen, haftet Chiquets Skulpturen nichts Fragmentarisches an. Sie sind – und das mag zunächst paradox klingen – Teile eines Ganzen, ohne aber Bruchstücke oder Stückwerk zu sein. Wie ist das möglich?

Ab ungefähr 2005 entstehen eine Reihe von Objekten aus schwarzem, grauem, sandfarbenem oder weissem Stein. Jedes dieser Objekte erscheint als ein in sich geschlossener, «vollständiger» Körper. Doch besitzt jeder Körper für sich zugleich einen exemplarischen Charakter. Er ist Teil, Teil einer Idee von Körperlichkeit, die Organisches und Geometrisches, Gravität und Schwerelosigkeit, Symmetrie und Dynamik nicht als sich ausschliessende Pole, sondern als Einheit oder ausbalancierte Mitte begreift. Es lässt sich von diesen Körpern daher auch nicht sagen, sie seien schwer oder leicht, dynamisch oder statisch, da sie eine Formlösung anstreben, welche die Extreme in sich vereint.

Der fruchtbare Moment
In seinem berühmten Aufsatz über die antike Laokoongruppe, die Anfang des 16. Jahrhunderts auf dem Esquilin wiederentdeckt wurde, beschrieb der Dichter Gotthold Ephraim Lessing bekanntlich die Vorzüge der Poesie gegenüber den Bildenden Künsten. Während die Poesie ihren Stoff in der Zeit entwickeln könne, stünden Malerei und Bildhauerei bloss die Darstellung eines einzigen Augenblickes zur Verfügung, der folglich auch nicht fruchtbar genug gewählt werden könne, müsse er doch das Vorausgegangene und das Folgende mit enthalten. Gerade die Künstler der Laokoon-Gruppe haben es nach Lessing vorzüglich verstanden, diesen Moment, nämlich kurz vor dem eigentlich Höhepunkt der Handlung auf ideale Weise zu wählen. Diese Idee vom «fruchtbaren Augenblick» wurde vor allem für die Skulptur zu einem einflussreichen Topos. Es sei hier dahin gestellt, ob Lessing Gedanke vom «fruchtbaren Augenblick» sich tatsächlich verallgemeinern lässt. Er bietet aber einen Ausgangspunkt, um nach dem Zeitcharakter von Chiquets Skulpturen zu fragen.

In den 80er und 90er Jahren erschafft Andreas Chiquet Körper, die von einer kompakten, vielfach ovalen Grundform ausgeht, sich stellenweise allerdings geöffnet zu haben scheint. In die konvexe Grundform ist gewissermassen ein konkaver Gegenimpuls eingetragen. Kein plötzlicher Riss, sondern eine Partie, die eine Öffnung der kompakten Grundform zulässt. Vielleicht lässt sich von einem Moment sprechen, der die Idee des Wachsens, des Anfangs, der prima idea in ihrem ersten Augenblick festhält. Noch nichts ist hier über den Verlauf oder die Bewegung des Wachsens gesagt, und es ist auch nicht das Wachsen also solches in den Blick genommen. Die Formfindung scheint grundsätzlicher anzusetzen: Sie liegt genau auf dem Umschlagpunkt zwischen Stillstand und Wachstum, der für einen winzigen Augenblick beides enthält. Nicht mehr Stillstand, noch nicht Wachstum, das ist es der Moment, in dem die Materie der Stille entwächst, bevor sie Gestalt annimmt und zu klingen beginnt. Ein Moment der Dauer.

Faltungen
Bei einigen jüngeren Arbeiten rückt die Falte in den Blick. Wie vielleicht generell Chiquets zurückhaltende Figuren der Lyrik ähneln, indem sie wesentliche Aussagen über das Verhältnis von Körper und Raum zu einer «Mikroskulptur» verdichten, so handelt es sich auch hier um verdichtete Formfindungen, die ihren Hebel am Wesen der Falte ansetzen. Diese ist freilich mehr als eine kunsthistorische Schrulle zur Unterscheidung von Stilen und Künstlerhänden. Der Philosoph Nicolaus von Kues hat die später für Spinoza einflussreiche Theorie von der Welt als entfaltete Einheit Gottes (explicatio) und von Gott als Einfaltung allen Seins (implicatio) entwickelt. Einfaltung und Aus- (oder Ent-)faltung werden hierbei als zwei Wesenszustände begriffen, bei der jede Faltung eine Ausdifferenzierung der Einheit Gottes oder, anders gesprochen, das Entstehen von Welt bedeutet. Die Entfaltung ist dabei nicht das Gegenteil der Falte, sondern das Entstehen von Faltungen aus einer vorausgegangenen Einheit heraus. In einigen Skulpturen Andreas Chiquets gerät diese einzelne Falte in einer ganz bestimmten Ausprägung in den Brennpunkt. Eine sanfte konkave Form, umgeben von zwei Erhebungen, mit denen die Vertiefung entstanden ist. Angesprochen ist hiermit nicht nur ein elementarer Sachverhalt bildhauerischen Gestaltens, sondern Genese in ihrer grundsätzlichsten und einfachsten Form.